Zoologische Sammlung
Mammalogie
Die Anfänge der Säugetiersammlung des SMNS gehen auf den Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Ein bis heute zeitlich lückenlos geführter Sammlungskatalog wurde 1837 angelegt. Historisch wertvoll sind die noch gut erhaltenen Sammlungen aus dem letzten Jahrhundert, unter denen die des Barons von Ludwig (Afrika), August Kapplers (Südamerika), F. von Müllers (Australien) und T. von Heuglins (Afrika) hervorzuheben sind. Im Lauf von 160 Jahren ist die Zahl der weltweit gesammelten Präparate auf rund 50.000 angewachsen. Vertreten sind mehr als 1500 Arten aus allen Säugetierordnungen, d.h. rund ein Drittel sämtlicher rezenter (das heißt: heute lebender) Arten. Die Sammlung gehört damit zu den 25 größten mammalogischen Sammlungen der Welt.
Der Sammlungs- und Forschungsschwerpunkt lag und liegt auf den artenreichsten Ordnungen der Nagetiere, Fledertiere und Insektenfresser, in geographischer Hinsicht auf Afrika, an zweiter Stelle auf Europa. Neben der Aufarbeitung des noch in den letzten Jahren stark angewachsenen Sammlungsbestandes hat sich die Sektion auf das tropische Afrika und dort vorwiegend auf die stark bedrohten Berg- und Tieflandregenwälder konzentriert, wobei ökologische und taxonomische Forschungen im Vordergrund standen und damit auch Beiträge zur Erfassung der Biodiversität geleistet werden konnten. Der Bereich des 6000 qkm grossen Kahuzi-Biega-Nationalparks im Ostkongo hat sich dabei als das Gebiet mit der in Afrika größten Arten- und Endemitenvielfalt an Säugetieren herausgestellt - nachgewiesen sind 174, geschätzt werden rund 200 Arten. Weitere Forschungen über Kleinsäuger des Sudans, Ugandas, Ruandas, Äthiopiens und Kameruns sind derzeit im Gang. An 14 Neubeschreibungen afrikanischer Kleinsäugerarten - vorwiegend aus eigenen Beständen - war die Sektion in den letzten 30 Jahren beteiligt. Im Rahmen der Grundlagenwerke über die Fauna des Landes Baden-Württemberg ist die Sektion, zusammen mit dem Naturkundemuseum in Karlsruhe und in Kooperation mit der Landesanstalt für Umweltschutz in Karlsruhe, seit 1990 mit der Vorbereitung des zweibändigen Werkes über die "Wildlebenden Säugetiere von Baden-Württemberg" beschäftigt.
Noch in Bearbeitung ist die Darstellung der Geschichte und Übersicht der Säugetiersammlung des SMNS. Dabei soll die Entwicklung der nach Taxa und geographischer Herkunft geordneten Bestände in den letzten 170 Jahren beschrieben und erstmals eine kommentierte Typenliste erstellt werden.
Ornithologie
Die Vogelsammlung gehört mit rund 134.000 Objekten (ca. 45.000 Bälge, ca. 12.000 aufgestellte Präparate, ca. 8.000 Federbögen, ca. 50.000 Eier, ca. 300 Nester, ca. 200 Präparate in Alkohol und ca. 18.000 komplette oder Teilskelette) aus aller Welt zu den vier größten Deutschlands. Die ersten Vogelpräparate im von 1837 bis heute lückenlos geführten Sammlungskatalog stammen von Baron von Ludwig aus Südafrika. Sie bildeten den Grundstock zum Aufbau einer eigenen ornithologischen Sammlung im damaligen Naturalienkabinett. Neben zahlreichen kleineren Sammlungen sind die von A. Kappler (Südamerika), F. von Müller (Australien), Baron R. Koenig-Warthausen (Deutschland) sowie von T. von Heuglin (Afrika) hervorzuheben. Von letzterem stammen auch die meisten Typusexemplare.
Zugangssammlungen aus dem letzten Jahrhundert sind u.a. die von A. Fischer, K. Fischer, W. Issel (Deutschland), F. A. Kipp (Europa), G. Hoy (Argentinien), W. Gatter (Liberia), G. Nikolaus (Afrika) und eine umfangreiche Gelegesammlung von G. Duve (Europa and Südliches Afrika).
Eine ausführliche Beschreibung der Vogelsammlung finden Sie auch in folgendem Artikel, erschienen in der Zeitschrift "Der Falke 52 (9): 288-292". pdf
Herpetologie
Die Amphibien- und Reptiliensammlung des SMNS umfasst etwa 20.000 Exemplare aus aller Welt, darunter wichtiges Material von historischer Bedeutung. Beginnend mit Sammlungen von Baron Carl Ferdinand von Ludwig (1784-1847) und Herzog Paul Wilhelm von Württemberg (1797-1860) wuchs die Herpetologie durch wertvolle Stücke aus aller Welt zu einer bemerkenswerten Sammlung heran. Als besonders wertvolle historische Sammlungen seien hier genannt Material von Baron F. von Müller (gesammelt 1836-1896) und August Kappler (ges. 1832-1872). Genauere Hinweise finden sich im Typenkatalog, der in der herpetologischen Sektion angefordert werden kann. Wichtige Schwerpunkte der Sammlung sind Schildkröten, Krokodile und neotropische Amphibien. Die durch den 2. Weltkrieg verursachten Schäden und der damit verbundene Verlust wertvoller Informationen machten die Neuordnung und -katalogisierung des gesamten Bestandes erforderlich.
Neben der Aufarbeitung des Sammlungsbestandes widmet sich die Sektion Herpetologie der Erforschung ökologischer Zusammenhänge innerhalb der Herpetofauna südamerikanischer Regenwälder. Unsere Kenntnisse über Artbestand und Ökologie der tropischen Regenwälder stehen in krassem Gegensatz zu dem atemberaubenden Tempo, in dem diese Lebensräume von der Erde verschwinden. Die Gesamtanalyse eines derart komplexen Mosaiks (Ökosystem) ist nur über die schrittweise Analyse kleinerer Teilsysteme möglich. Gemeinsam mit dem Naturkundemuseum in Lima (Museo de Historia Natural de la Universidad San Marcos) werden seit 1977 Artenspektrum und ökologische Einbindung von Amphibien und Reptilien an Kleingewässern des peruanischen Regenwaldes untersucht. Diese Tümpel und Bäche sind solche Teilsysteme, die - zumindest zeitweilig - verschiedenen Tierarten ein Optimum an Lebensbedingungen bieten.
Ein schier unerschöpfliches Kapitel ist dabei die Untersuchung der Nahrungsbeziehungen. Da Amphibien und Reptilien meist besonders sensibel auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren (Bioindikatoren) und zudem mitten im Nahrungsnetz stehen, können wir aus ihrem Vorkommen oder Rückgang Schlüsse auf den Zustand ihres Lebensraumes ziehen. Während für die Bestimmung von Fröschen und Kröten die Anfertigung von Sonagrammen (Analyse ihrer Lautäußerungen) hilfreich sein kann, müssen bei Schlangen, Eidechsen und Krokodilen die Schuppenreihen gezählt und die Bezahnung "unter die Lupe" genommen werden. Ein Vorgang, der mit lebenden, sich bewegenden und eventuell sogar giftigen Tieren undenkbar wäre und nur auf der Basis einer umfangreichen wissenschaftlichen Sammlung möglich ist.
Ihre bis zu 200 Jahre alten überwiegend alkoholkonservierten Belegstücke bilden die Grundlage taxonomischer Untersuchungen und stehen Wissenschaftlern aus aller Welt in einem regen Leihverkehr zur Verfügung. Die Sammlung ist vollständig auf EDV erfasst. Zur präparatorischen Arbeit gehört neben der ständigen Betreuung der Sammlung die Anfertigung lebensechter Abgüsse und die
Einrichtung unserer Ausstellung.
Ichthyologie
Geschichte
Die Ichthyologische Sammlung im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart enthält etwa 5000 historische Gläser. Die ersten Fischexemplare wurden 1805 gesammelt. Die wichtigsten historischen Sammlungen stammen von den folgenden Sammlern:
Pieter Bleeker (1819-1878). Bleeker schenkte dem Museum zahlreiche Fische aus Niederländisch-Indien (heute Indonesien). Das Museum erhielt in den Jahren 1860 und 1861 zwei Materialsendungen von Bleeker. Die Sammlung enthält viele Typusexemplare von Arten, die von Bleeker erstbeschrieben wurden.
Carl Benjamin Klunzinger (1834-1914). Klunzinger verbrachte 12 Jahre seines Lebens in Kosseir (Al-Qusayr, Ägypten, Rotes Meer), wo er die Meeresfaune erforschte und Fische für das Naturkundemuseum Stuttgart sammelte. Unsere Sammlung enthält viele Typen von Rotmeerfischen, die von Klunzinger erstbeschrieben wurden. Klunzinger arbeiete 5 Jahre lang an unserem Museum als Sammlungsassistent.
Ferdinand Jacob Heinrich von Müller (1825-1896): Müller war der Direktor des Botanischen Gartens in Melbourne, Victoria, Australien. Er unternahm zahlreiche Forschungsexpeditionen in Australien und Neuseeland, und schenkte unserem Museum viele Fische aus Victoria, Südaustralien, Westaustralien, Northern Territory, Queensland, New South Wales und Neuseeland. Das Müllersche Fischmaterial wurde von C.B. Klunzinger bearbeitet, identifiziert und wissenschaftlich beschrieben. Auch hier sind zahlreiche Typusexemplare enthalten.
Schwerpunkte
Die rezente Fischsammlung am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart umfasst 25.000 Gefäße mit Fischen (ca. 150.000 Exemplare). Es gibt keine geographischen Einschränkungen; die Sammlung enthält Fischmaterial aus aller Welt. Die wichtigsten Sammlungsschwerpunkte liegen bei europäischen Süßwasserfischen, Meeresfischen aus dem Mittelmeer, aus dem Indo-Pazifik, und Süßwasserfischen aus Mittel- und Südamerika. Die Sammlung enthält über 1.000 Typusexemplare von Fischen, die vor allem von P. Bleeker, C.B. Klunzinger und R. Fricke beschrieben wurden.
Malakozoologie
Die Schnecken- und Muschelsammlung des Stuttgarter Naturkundemuseums umfasst über eine Million Objekte. Die ältesten Sammlungsstucke sind exotische Meeresschnecken, die bereits 1777 im Katalog des Arztes Pasquay aus Frankfurt a. M. aufgelistet wurden. Von den vielen historischen Sammlungsteilen sollen hier nur die Sammlung Clessin (Molluskenfauna Deutschlands, Österreichs, Ungarns und der Schweiz; 1903 erworben), die Sammlung Zwiesele (Muscheln aus Seen und Teichen Süd- und Mitteldeutschlands sowie der Schweiz; 1925 erworben) und die Sammlung Geyer (Molluskenfauna Württembergs; 1932 erworben) genannt werden.
Alle diese Sammlungsteile erlitten im 2. Weltkrieg zwar einige schmerzliche Verluste, blieben aber doch zum größten Teil unversehrt und stehen heute Forschern aus aller Welt zur Verfügung. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser alten Sammmlungen werden gezielte Neuaufsammlungen von Schnecken und Muscheln in Baden-Württemberg durchgefuhrt. Landschnecken mit ihrer geringen Mobilität eignen sich besonders fur die Beurteilung kleinflächiger Biotope und Sonderstandorte. Lebendfunde sowie Leergehäuse lassen zudem Rückschlüsse auf Populationsentwicklung und Biotoptradition zu. In zunehmendem Maße werden in diesem Zusammenhang auch moderne Untersuchungsmethoden (Enzymelektrophorese etc.) angewandt. Weitere Sammlungsteile von weltweiter Bedeutung sind die über 50.000 tropischen Kegelschnecken (Sammlungen Da Motta und Röckel), die Spezialsammlung der westafrikanischen Walzenschnecken der Gattung Cymbium (Sammlung Stürmer), die Mittelmeersammlung Enzenross mit besonderer Berucksichtigung der Lesseps'schen Einwanderer sowie die über 200.000 Schließmundschnecken der Westpaläarktis (Sammlung Nordsieck, Villingen-Schwenningen).
Leihverkehr: Grundsätzlich können Institutionen Material für Ausstellungen und Privatpersonen Material zur wissenschaftlichen Bearbeitung nach Rücksprache mit dem Sammlungskustos ausleihen. Typenmaterial wird in der Regel nicht ausgeliehen und kann nur in den Sammlungsräumen des Museums untersucht werden. Es besteht die Moglichkeit der digitalen Bildübermittlung per e-mail. Weitere Informationen erhalten Sie gerne vom unten angeführten Team der Sektion.
Osteologie
Die Sammlung besteht hauptsächlich aus Totalskeletten, die aber meist nicht montiert sind (das heißt, die Knochen eines Skelettes liegen einzeln in Schachteln), aber auch aus Schädeln oder nur aus Einzelknochen der verschiedensten Wirbeltiere: ca. 4000 Individuen von Säugern (ohne Mensch, siehe Anthropologie), knapp 6000 Individuen von Vögeln, ca. 1000 Individuen von Amphibien und Reptilien sowie ca. 500 Individuen von Fischen.
Um Knochenpräparate zu bekommen, legt man verendete kleine und zarte Tiere Speckkäfern vor, die deren Skelette regelrecht blankputzen, d. h. von Fleischresten befreien. Mittelgroße Objekte werden in Seifenlauge gekocht und große werden über 5 bis 8 Wochen mazeriert, bis sich das Fleisch vollständig vom Knochen lösen lässt. Aus Mumien können Knochen entweder mit Natronlauge oder mit Hilfe eines Enzyms gelöst werden. Anschließend müssen die Knochen noch manuell nachbearbeitet werden. Allermeist sind sie fetthaltig; sie werden in einer Entfettungsanlage mit Trichloraethylen ("Tri" genannt) entfettet. Erst dann werden die Knochen katalogisiert und in die Sammlung eingereiht.
Die Sammlung dient vor allem als Vergleichssammlung, zum Beispiel zur Amtshilfe für Zoll, Kriminalpolizei sowie Nahrungsmitteluntersuchungsamt, aber auch um aus Gewöllen (Speiballen von Eulen und anderen beutegreifenden Vögeln) das Nahrungsspektrum dieser Vögel zu erkennen bzw. aus diesen Nahrungstieren die Kleintierfauna des Vogelreviers festzustellen.
Das osteologische Magazin besitzt auch Tierknochen von Ausgrabungen des Landesdenkmalamtes von Baden-Württemberg aus den Jahren 1982 bis ca. 1990.
Anthropologie
Dr. Hermann von Hölder (geb. 1819 in Stuttgart, gest. 6.3.1906 in Stuttgart) sammelte hauptsächlich Schädel in Süddeutschland, vor allem aus Friedhofsauflösungen im Großraum Stuttgart und vermaß diese Schädel Veröffentlichung 1876). Auf der Basis dieser Sammlung wurden früher (bis ca. 1940) weitere Schädel bzw. Skelette und Skelett-Teile gesammelt: Die Sammlung beträgt ca. 800 Menschenschädel und 150 weitere Skelettreste bzw. Einzelknochen. Fast alle Altersstufen und Menschenschläge wie z.B. Inuit (früher: Eskimo), Hottentoten etc. sind vorhanden. Die Sammlung dient als Vergleichssammlung, falls bei einer Grabung oder in einem Kiesbett ein Schädelteil gefunden wird, um festzustellen, ob dieser Fund zu den Jetztmenschen (Homo sapiens sapiens) oder einem vorzeitlichen Menschen (zum Beispiel zu einem Neandertaler) gehört.